Interpretation
Heinrich von Kleist spricht in diesem Werk viele Probleme an. Zum einen beschreibt er, wie der Krieg einen Menschen verändern kann, wie in diesem Falle den Grafen F…, der zum Vergewaltiger wird. Im Grunde handelt es sich bei ihm jedoch um einen guten Menschen, da er die Marquise aufrichtig liebt und sich verpflichtet sieht, sie zu heiraten.
Auch die Brutalität und Rücksichtslosigkeit, mit der Mütter von unehelichen Kindern in der Gesellschaft behandelt werden, spielt in Kleists Werk eine Rolle.
Der Autor parodiert spitz und präzise die Brutalität der bürgerlichen Gesellschaftsordnung und ihr Versagen. Die Familie ist nicht der Rückzugsort, wo man geliebt und angenommen wird, sondern sie untersteht strengen Regeln – die Respektierung der Sitte ist wichtiger als die Bedürfnisse des Individuums. Daran kann auch die Marquise nichts ändern. Letztlich muss sie sich in die Ordnung einfügen und sie akzeptieren, auch wenn sie damit zurechtzukommen scheint.
Der Vater, der den Patriarchen und Beschützer sowie die zentrale Figur der Geschichte darstellen soll, versagt in der Novelle. Er kann seine Tochter vor der Vergewaltigung nicht bewahren. Was die gesellschaftliche Norm anbelangt, so ist die Bewahrung vor Sexualität, Begierden und selbst unkeuschen Gedanken eine wichtige Aufgabe, die auch größtenteils beim Vater liegt. Dieser ist auch kein Vorbild in Sachen Keuschheit, pflegt er doch selbst einen Umgang mit seiner Tochter, der eher an ein Liebesverhältnis erinnert.
Sein Name parodiert sein klägliches Scheitern treffend. Die Karriere Lorenzos, des „mit Sieg Gekrönten“, ist zum Scheitern verurteilt, als er die Festung verliert, die er beschützen sollte. Auch sein Privatleben gerät aus den Fugen, als ihm dasselbe mit seiner Tochter passiert. Seine abweisende Reaktion auf ihre Schwangerschaft, die, wie man annehmen darf, von purer Eifersucht herrührt, lässt sein Ansehen beim Leser weiter sinken.
Die Bürger stehen in ihrem Verhalten dem Stereotyp des von ihnen verachteten Adels sehr nahe. Wegen der zahlreichen Vernunftehen und des daraus entstehenden Mätressenwesens wird in dessen Kreisen die Sexualität relativ zügellos ausgelebt.
Man kann daraus schließen, dass Kleist in seiner Novelle eine Gesellschaft darstellt, in der die bürgerlichen Ideale wieder tatsächlich praktiziert werden, in der die familiäre Liebe wieder wichtiger wird als das bloße gesellschaftliche Ansehen und in der Schutz vor den Gefahren der Welt geboten wird. Es ist schwierig, Kleists Einstellung zur Emanzipation zu definieren, da es sich bei seiner Darstellung der Gesellschaft um eine Parodie handelt. Die gescheiterte Wiederaufnahme der Marquise in die Gesellschaft könnte man allerdings als einen Ruf nach mehr Eigenständigkeit für die Frau interpretieren.

Die Marquise von Oz Interpretation
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