b) Pauls Brief an einen Klassenkameraden
Lieber Freund und Kamerad,
auch wenn du damals traurig warst als du erfahren hast, dass du aufgrund deiner Krankheit nicht mit uns losziehen konntest, versichere ich dir, dass du jetzt darüber sehr froh sein kannst. Ich finde gerade die Zeit dir zu schreiben da wir seit Tagen unter starkem Artilleriefeuer im Graben eingebunkert sind und nicht hinaus können. Es ist schrecklich hier. Nicht genug zum Essen, nachts kommen die Ratten und viele Rekruten sind schon verrückt geworden.
Ich kann es dir nicht oft genug sagen, sei froh noch daheim zu sein. Der Krieg ist nicht so wie wir dachten. Wir hatten uns mit Begeisterung gemeldet um für das Vaterland zu kämpfen, haben uns auf ein Abenteuer gefreut ohne zu wissen was Krieg eigentlich ist. Haben uns von unserem Lehrer überreden lassen, obwohl nicht mal er wusste was alles auf uns zukommt. Jeden Tag mit der Angst vorm Tod zu leben, andere zu töten und seine Kameraden und Freunde fallen zu sehen… dies alles ist nichts Schönes oder Heldenhaftes. Das Schlimmste ist, dass wir nicht einmal genau wissen für was wir kämpfen. Wir bezahlen mit unserem Leben für die Fehler der Machthaber.
Und wenn wir Urlaub haben und für ein paar Tage nach Hause können ist es auch nicht besser. Niemand kann uns Soldaten richtig verstehen. Alle bewundern uns und geben uns Ratschläge was wir besser machen sollen. Sie haben keine Ahnung wie es an der Front ist. Sie wissen nicht was wir jeden Tag durchstehen müssen. Sie können uns nicht helfen. Sie wissen nichts über den Krieg.
Nach und nach sterben alle meine Freunde hier. Der Krieg wird immer sinnloser und ich immer stumpfer. Der Wunsch nach Frieden wird immer größer, obwohl ich auch nach dem Krieg nicht mehr normal leben würde. Wir sind an der Front zu Hause, wo anders finden wir uns nicht mehr zurecht. Wir wollen nicht mehr kämpfen, aber auch ein Ende des Krieges wäre für uns keine Erlösung. Der Krieg hat unsere Generation verschluckt. Unser Leben hat keinen richtigen Sinn mehr. Sind wir an der Front wollen wir nach Hause, sind wir zu Hause wollen wir an die Front. Es ist ein ewiger Teufelskreis, aus dem wir nie wieder herauskommen werden.
Ich muss jetzt aufhören zu schreiben, da das Feuer nachlässt. Ich habe keine Angst mehr. Nur den Gedanken, dass jede Sekunde die letzte sein könnte, muss man immer wieder verdrängen, sonst bekommt man Angst. Generell sollte man zu viel Nachdenken über Ursache, Grund und Sinn des Krieges vermeiden. Wir dürfen unsere Kaltblütigkeit nicht verlieren, wir müssen immer weiter arbeiten wie Maschinen. Ich gehe jetzt hinaus in den Graben. Es könnte das letzte Mal sein. Wenn möglich komme ich dich bald mal wieder besuchen.
In brüderlicher Treue,
dein Freund und Kamerad, Paul Bäumer

Pauls Brief an einen Klassenkameraden ( Im Westen nichts Neues)
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