Lieber Michael,

Wenn du diesen Brief liest, bin ich bei den vielen Frauen und Kindern, denen ich Rechenschaft schuldig bin.
Sie wollten frei sein und ich versperrte ihnen den Weg.
Sie wollten zu ihren Familien und ich trennte sie bewusst.
Sie wollten leben und ich ließ sie sterben.
Ich kann das, was ich getan habe, nie mehr begleichen.
Ich kann nicht sagen: “Es tut mir leid, bitte verzeiht mir.“
Genauso wenig können sie sagen: „Ja, wir verzeihen dir.“
Mit einer Entschuldigung kann ich mich nicht entschuldigen.
Jetzt werde auch ich sterben, um diesen Menschen meinen Respekt zu erweisen.
Ich habe es nicht verdient zu leben. Es ist nicht mein Recht.
Genauso wenig verdiene ich den Tod.
Ich verdiene keinen Ort des Friedens oder der Ruhe.
Ich bin im Zwiespalt und weiß nicht wie, bzw. ob ich leben oder sterben soll.
Doch habe ich mich nun für den Tod entschieden.
In der Hoffnung einiges gut machen oder ein Zeichen meiner Erkenntnis setzen zu können.
In Haft begann ich mich mit meinen Problemen und inneren Konflikten auseinanderzusetzen.
Ich lernte Lesen und Schreiben um mit mir ins Reine zu kommen und um mich näher mit den Problematiken des dritten Reiches und vor allem mit Konzentrationslagern zu beschäftigen.
Dadurch wurde mir erst richtig bewusst, was für eine Last ich auf meinen Schultern trage.
Während des Prozesses fühlte ich nicht viel. Alles was ich fühlte war eine innere Leere.
Ich konnte und wollte nichts empfinden. Doch im Gefängnis wurde der Rucksack auf meinem Rücken schwerer und schwerer. Erst kaum spürbar, dann kamen ein paar Steine und Scherben hinzu. Nun vor meiner Entlassung in die Freiheit brach ich unter dem Gewicht zusammen. Zu viel Gewicht, zu schmerzhaft die Scherben, die nun schon durch den Rucksack an und in meinen Körper gelangten.
Ich konnte die grauenhaften Handlungen nicht ertragen, die ich meinen Körper, meine Hände ausführen ließ.
Ich bin ein schrecklicher, kalter und egoistischer Mensch.

Auch bei dir muss ich mich entschuldigen.
Ich hoffe du wirst mir verzeihen, denn auf deine Antwort kann ich nicht mehr warten.
Ich kann dich nicht noch einmal sehen.
Du warst ein liebenswürdiger Junge, ein liebenswürdiger Mann.
Ich danke dir für alles, was du für mich getan hast und entschuldige mich, dass ich das Leben eines Jungen auf den Kopf gestellt und wohl für immer geprägt habe.
Ich war in der Beziehung egoistisch. Meine Bedürfnisse waren vorrangig, obwohl ich doch eine erwachsene Frau war.
Ich kann heute nicht mehr nachvollziehen warum ich mich auf eine Beziehung mit einem halb so alten Jungen eingelassen habe. Ich bereue es nicht. Dennoch tut es mir leid.
Du konntest nicht wissen was in mir vorgeht.
Du konntest nicht wissen wie meine Vergangenheit aussieht.
Ich war zu stolz anderen meine Defizite anzuvertrauen.
Und ich habe dich geschlagen.
Ich habe dich in den Ferien vor vielen Jahren geschlagen, weil ich dir nicht sagen konnte, dass ich deine Nachricht auf dem Zettel weder lesen noch deuten konnte.
Ich fühlte mich minderwertig und einem Fünfzehnjährigen unterlegen.
Er beherrschte im Gegensatz zu mir die grundlegendsten Dinge des Lebens.
Das wollte ich nicht akzeptieren.
Ich habe den Lauf der Dinge selbst zu verschulden.
Doch war es nicht meine Absicht das Leben Anderer zu verschulden.
Ich danke dir, dass du mir vorgelesen hast.
Dadurch konnte ich trotz des Analphabetismus in fremde Welten eintauchen und für einen Moment lang alles um mich herum vergessen.

Es war eine turbulente, schöne und besonders für dich schwierige Zeit.
Du hast mir vertraut, ich habe dir unbegründet misstraut.
Ich habe jedem misstraut, auch mir selbst.
Doch jetzt soll das alles ein Ende haben.

Bitte gib das Geld, was ich hinterlassen werde, der Frau, die in der Kirche als Mädchen überleben konnte. Sie soll den Verwendungszweck selbst bestimmen.

Vergiss mich nicht.
Deine Hanna

Der Vorleser- Abschiedsbrief von Hanna
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