In den Gedichten „Heidenröslein“ aus dem Jahre 1771 und „Gefunden“ aus dem Jahre 1813 geht es um die Begierde nach einer schönen Blume, die metaphorisch für ein Mädchen steht, die Eroberung erfolgt allerdings in beiden sehr unterschiedlich. Das „Heidenröslein“ ist in die Epoche Sturm und Drang einzuordnen, dazu passt die Leidenschaft und Unvernunft, die dieses durchzieht. „Gefunden“ gehört dagegen in die Weimarer Klassik, in der eine harmonievolle Verknüpfung von Gefühl und Verstand die Idealvorstellung war, deshalb ist in diesem Gedicht immer noch stürmische Liebe zu finden, aber das lyrische Subjekt ist mehr auf Vernunft bedacht.
Beide lyrische Texte sind in einer Liedform geschrieben, wobei das „Heidenröslein“ einen Refrain, drei Strophen zu je sieben Versen und kein Reimschema sondern nur einzelne Verse, die sich reimen hat und „Gefunden“ eine klassische Volksliedstrophe mit fünf Strophen zu je vier Versen und einem Reimschema (abcb) ist. Gemeinsam haben sie auch eine schlichte Sprache und ein durchgehendes Metrum, beim „Heidenröslein“ ein vierhebiger Trochäus und bei „Gefunden“ ein zweihebiger Jambus. Gleich ist außerdem, dass eine Blume personifiziert wird, die eine Metapher für ein Mädchen ist. Der Wechsel von männlichen und weiblichen Kadenzen passt zu den Protagonisten. Während beim „Heidenröslein“, abgesehen von einem Enjambement, ein Zeilenstil vorliegt, sind bei „Gefunden“ viele Enjambements, „Gefunden“ klingt dadurch aber nicht weniger harmonisch. Die lyrischen Subjekte unterscheiden sich, denn im „Heidenröslein“ ist es ein Knabe und in „Gefunden“ ein lyrisches Ich.
Zu Beginn erblicken beide eine wunderschöne Blume, begehren sie und wollen sie brechen, aber danach verhalten sie sich vollkommen unterschiedlich. Interessant ist auch, dass der Knabe die Blume bereits im ersten Vers entdeckt „ sah ein Knab‘ ein Röslein stehen“, das lyrische Ich dagegen geht zuerst planlos durch den Wald und sieht sie erst in der zweiten Strophe „Im Schatten sah ich ein Blümchen steh’n“ (V. 5/6).
Die Bezeichnung der Blume zeigt deutlich die Verschiedenheit der beiden Gedichte, das eine ist eine rote Rose, ein typisches Liebessymbol, das jedoch durch die Stachel auch Gewalt ausdrücken kann und das andere eine nicht weiter definierte Blume. Gemein haben beide, dass sie verniedlicht sind. Beim Röslein steht dies eventuell charakteristisch dafür, dass es jung ist, wie auch im dritten Vers „War so jung“ beschrieben. Die Bezeichnung Blümchen drückt Sanftheit aus, wie auch ihr Verhalten beweist, weil sie erfolgreich durch eine Frage, das Mitleid des Ichs zu wecken versucht. „Soll ich zum Welken Gebrochen sein?“ (V.11/12) Die Rose versucht sich auch zu wehren, aber im Gegensatz zum Blümchen mit gewaltsamem Widerstand, der ihr nichts nützt: „wehrte sich und stach, Half ihm doch kein Weh und Ach“ (V. 17/18)
Die beiden lyrischen Subjekte haben einen sehr unterschiedlichen Charakter. Der Knabe wird als wild bezeichnet (V. 15) und handelt, von Begierde getrieben, egoistisch und ohne Mitgefühl, dadurch erreicht er einen kurzen gewaltsamen Genuss. Das Ich ist vernünftig und besinnt sich nach der Frage des Blümchens auf eine Bewahrung ihrer Schönheit und erhält das Blümchen für die Ewigkeit. An dieser Stelle ist der Wendepunkt des Gedichtes, da die anfängliche Begierde sich in Liebe wandelt.
Auf einer tieferen Deutungsebene sind in diesen Gedichten Vergewaltigung und eine lange Liebesbeziehung oder vielleicht sogar die Ehe gegenübergestellt. Dies verdeutlicht sich durch die unterschiedliche Wortwahl z.B. brechen, stechen und leiden gegen ausgraben, tragen und blühen.
Das „Heidenröslein“ ist geprägt von Gier, Gewalt und Leid und „ Gefunden“ von Harmonie, Liebe und Vernunft. Aufgrund der Tatsache, dass die Erscheinungsjahre weit auseinander liegen, könnte geschlussfolgert werden, dass Goethe sich weiterentwickelt und an Erfahrung und Reife gewonnen hat. „Gefunden“ hat er nämlich als Brief an seine Frau Christiane Vulpius geschickt, mit der eine leidenschaftliche Beziehung geführt und sie später auch geheiratet hat.
Meinem Geschmack nach haben beide eine gut klingende Form, aber inhaltlich macht mich die Thematik im „Heidenröslein“ wütend, wogegen „Gefunden“ mir aufgrund dem Wendepunkt und der harmonischen Stimmung sehr gut gefällt.

Note: 14 Punkte

Gedichtvergleich „Heidenröslein“ und „Gefunden“
Wissen verdoppelt sich, wenn man es teilt.
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