Nathan der Weise
3. Aufzug; 5. Auftritt
Gliederung
A. Glaube und Religion heute
B. Analyse und Erschließung von Lessing, Nathan der Weise III 5
I. Analyse des Inhalts von III 5
1. Höhepunkt und Peripetie
2. Inhalt der Szene III 5
a. kurze Zusammenfassung
b. Aufbauprinzip
3. Allgemeines zur Gesprächssituation
a. Sultan Saladin und Weise Nathan
b. grundlegende Absichten
c. Gesprächsanteile und -inhalte
II. Analyse der Form
1. Allgemeines für die gesamte Szene
a. Versmaß: Blankvers
b. Sprachebene: eher gehoben
c. Sprechweise: sachlich-distanziert
2. Detailanalyse im Verlauf der Szene unter Einbeziehung der dramaturgischen und sprachlich-stilistischen Gestaltung
a. Dialog (Vers 1797-1842)
b. Monolog (Vers 1843-1865)
III. Interpretation der Szene
IV. Vergleich mit den Ansichten und Einstellungen Saladins in III 7
V. Einordnung in die Zeit der Aufklärung
C. Kompetenz statt Äußerlichkeiten

Immer mehr Leute treten aus der Kirche aus. Zum Teil, weil sie sagen, nicht mehr glauben zu können, aber auch weil man dann keine Kirchensteuer mehr zahlen muss. In unserer Kapitalgesellschaft kann auch das ein guter Grund sein. Diese Gruppe von Menschen, die sich bewusst von jeglicher Religion oder irgendeinem oder mehreren Göttern abgrenzen, werden Atheisten genannt und machen laut Umfragen etwa die Hälfte aller in Deutschland lebenden aus. Die Frage nach der richtigen Religion stellt sich heute und stellten sich ebenso die Menschen der Aufklärung. Gotthold Ephraim Lessing beschäftigt diese Frage bereits im 18. Jahrhundert in seinem Buch „Nathan der Weise“. Speziell gerichtet wird die Frage nach der wahren Religion zum ersten Mal im 3. Aufzug, 5. Auftritt vom Sultan Saladin an den Weisen Nathan.
Der 3. Aufzug, 5. Auftritt spielt in Saladins Palast. In einem typischen Drama, wie diesem, mit 5. Aufzügen (Akten) handelt es sich beim 3. Aufzug um den Höhepunkt mit Peripetie. Der zu analysierende Auftritt befindet sich unmittelbar vor dem Wendepunkt des Dramas. Saladin, der Sultan von Jerusalem, hat Nathan, einen reichen Juden, zu sich rufen lassen, weil er Geld braucht. Dieses weiß Nathan jedoch noch nicht.
Den Grund seiner Einladung erfährt Nathan auch nicht, bis der bereits listig wartende Saladin ihm diesen nach mehrfachem falschen Raten nennt. Doch damit hat Nathan nicht gerechnet; er soll entscheiden und begründen, welche der drei Weltreligionen (Christentum, Judentum oder Islam) die Wahre sei.
Gegliedert ist der Ausschnitt in zwei Teile, die sich durch ihre Struktur deutlich voneinander unterscheiden: Der erste, längere Teil (Vers 1797-1842) in Dialogform und der zweite Teil (Vers 1842-1865) ein Monolog des Sultans.
Bei einer Vorladung durch den Sultan ist bereits vorprogrammiert, dass dieser wohl bestimmte Absichten verfolgt. Hier geht es ihm darum dem vom Volk weise genannten Nathan eine Fangfrage zu stellen und von ihm so Geld zu erpressen. Nathan hingegen ahnt schon, dass eine List hinter der Einladung steckt, was dies jedoch genau sein soll, ist ihm unbekannt und darum bemüht er sich um so mehr nicht in den Hinterhalt zu geraten. Die Gesprächsführung hat meistens Saladin, während Nathan sich mit den Antworten auf die Fragen eher zurückhält und dazu versucht herauszufinden, worum es überhaupt geht. Auch prozentual gesehen, redet Saladin deutlich mehr.
Auch diese Szene ist im Blankvers verfasst, welches sowohl typisch für die Zeit der Aufklärung ist, als auch durchgängig das Drama „Nathan der Weise“ kennzeichnet. Dieser besteht aus einem fünfhebigen Jambus, der manchmal in Form einer Antilabe von einem Sprecher zu einem anderen übergeht.
Aufgrund der Konstellation aus einem ranghohen Politiker und einem, als sehr weise geltenden Mann, ergibt sich ganz logisch eine eher gehobene Sprache, da keiner dem anderen unterlegen sein will. Zudem strebt jeder an, sich gegenüber dem anderen würdig zu artikulieren, was trotz des Misstrauens einem hohen Niveau entspricht. Dazu gehört auch eine gewisse Zurückhaltung seitens Nathans, um dem Sultan nicht zu unangenehm aufzufallen. Insgesamt ergibt sich so ein eher von Sachlichkeit und Distanz geprägter Dialog.
Auffallend bei einer genaueren Untersuchung des Textes ist, dass Nathan wohl nicht klar ist, weshalb er vom Sultan vorgeladen wurde. Er mutmaßt, dass Saladin „das Beste [erg. Seiner Waren] haben“ (V. 1824f) möchte oder was er auf seinem „Wege von dem Feinde (…) Bemerkt“ (V. 1831f). Im Normalfall reagiert er bloß so kurz wie möglich auf Saladin, weil er schon ahnt, dass dieser mehr möchte, als ihn kennenlernen. Zweimal hintereinander beschränkt sich die Antwort sogar auf je ein einzelnes Wort: „Ja.“ (V. 1799) und „Nein.“ (V. 1800). Gleichzeitig ist dies auch eine Antithese, da er beide Male nach seinem Namen gefragt wird. Wobei er eher zurückhaltend reagiert, indem er zwar bejaht Nathan zu sein, aber nicht der weise Nathan. Jedoch „nennt dich das Volk“ (V. 1800) den weisen Nathan, was an dieser Stelle im Drama auch das erste Mal den Titel des Buches vollständig aufgreift, aber nicht wortwörtlich.
Die Anapher „Nur (…) Nur“ (V. 1797f) verstärkt zudem die Absicht des Sultans, seinen Plan nicht durchschauen zu lassen, indem er Nathan aufs Freundlichste empfängt. Seinen Befehlston als Herrscher legt er dennoch nicht ab, wie man anhand der zahlreichen Ausrufezeichen feststellen kann. Ein weiteres Merkmal seiner Macht ist das vermehrte stellen rhetorischer Fragen, wie „Wovon sprichst du? Doch wohl nicht von deinen Waren? – (…)“ (V. 1826f). Zudem merkt man anhand der in Klammern gesetzten geflüsterten Worte, wie beispielsweise „(Das der Horcherin!)“ (V. 1828) , die es hier nur beim Sultan gibt, dass er die Gesprächsführung inne hat. An einer Stelle droht ihm jedoch, seiner Machtstellung im Gespräch entzogen zu werden. Nämlich in dem Moment, in dem Nathan die Gesprächsführung erlangt, weil er die Leichtgläubigkeit des Herrschers in Frage stellt und dessen Aussage zu der ihm vom Volk zugeschriebenen Weisheit reflektiert (vgl. V. 1802-1817). Nathans Wortspiel an dieser Stelle ist im Zusammenhang mit seiner kritischen Betrachtung von festgefahrenen Einstellungen, sowie seiner Gelehrtheit zu sehen. Er blüht so in der Diskussion so richtig auf, was man auch daran merkt, dass er seine Thesen („Dann wär freilich klug und weise [n]ur eins.“ (V. 1810f)) stützt („Dann freilich wär der Eigennützigste [d]er Klügste.“ (V. 1809f)). Verstärkt wird dieses noch durch die Anapher. Trotz Saladins Bemühen den Juden ebenbürtig zu behandeln, kann man an einigen Details feststellen, dass dieses Ziel nur scheinbar verfolgt. Neben dem bewussten Streben nach dem Wahren der Herrscherrolle, klingt in Wörter wie ein abfälliges „Jud!“ (V. 1821) oder ein eventuell auch ironisch gemeintes „heische“ (V. 1837) eine berechnende Hinterlist an. Auch zeigt die Regieanweisung „Er springt auf“ (V. 1819), dass er die Ansichten Nathans nicht toleriert. Eine freundliche Einladung dazu bekommt Nathan mit „Ich heische deinen Unterricht“ (V. 1837). Auf die die vorgeschobene Frage nach der wahren Religion folgt, welche er nur mit Staunen und Überraschung registriert. Mit dem Ausruf „Sultan, ich bin ein Jud“ (V. 1841f) klingt mit, dass das doch nicht ernst gemeint sein kann.
Ab Vers 1843 macht der Sultan dadurch deutlich, dass er es durch aus ernst meint und eine rationale, begründete Antwort erwartet, dass er neben dem Judentum auch noch den Islam und das Christentum aufzählt. Nun will er von diesem Juden etwas hören, wofür man ihm gerechtfertigt Geld abnehmen dürfte. In diesem 24 Verse langen Monolog redet er als Gebieter und lässt Nathan auch auf die gestellten Fragen hin keine Chance zu antworten. Deutlich ist das bei der direkten Antwort „Gut, ich gebe ihn dir“ (V. 1861) auf die Frage „Oder willst du einen Augenblick [d]ich zu bedenken?“ (V. 1860f), was nur ein Beispiel ist. Dass er nicht darauf hinaus will, der Islam sei das einzig richtige, ist durch die Verniedlichungsform „Muselmann“ (V. 1843) an Stelle von Muslim merklich. Für das Aufführen des Dramas werden hier einige Hilfestellungen gegeben. So wird mit vielen Gedankenstrichen gearbeitet, um inhaltliche Pausen, wie „…Wahl, die diese Gründe estimmt, – versteht sich,…“ (V. 1852f) dem Sprecher aufzuzeigen und diese zu unterstreichen. Weitere Hilfen sind etliche Frage- und Ausrufezeichen, die die Tonlage und Wichtigkeit eines Satzes hervorheben. Durch „Du stutzest?“ (V. 1855) erfährt man als Zuhörer/Leser auch, dass der Sultan durchaus bemerkt, dass er mit dieser Frage Nathan unvorbereitet erwischt hat, da dieser wohl sein Erstaunen nicht verbergen kann oder will. Die Begründung „Ich selber nachzugrübeln nicht die Zeit [g]ehabt“ (V. 1850f) scheint unzureichend, aber ändert nicht, dass Saladin eine Antwort auf diese Fangfrage hören will. Und zwar möglichst bald. Er fragt, ob Nathan zur Beantwortung dieser Frage etwas Zeit bräuchte und gewährt ihm sofort einen ruhigen Moment, geht jedoch nicht ohne ihn zu mahnen, „[g]eschwind“ (V. 1864) zu denken. Gleichzeitig will er diesen Augenblick nutzen von Sittah zu erfragen, ob auch er alles richtig gemacht hätte, was einem das Gefühl gibt, dass sie tatsächlich an der Macht ist.
In diesem Auftritt setzt Nathan zum ersten Mal an, den Sultan zu erziehen. Er hinterfragt seine Anmaßungen im Bezug auf seinen Beinamen „der Weise“. Doch der Sultan rebelliert und würgt diesen Versuch bewusst ab. Anstelle sich in die Enge treiben zu lassen, will er Nathan in die Enge treiben und stellt ihm zu diesem Zwecke eine Fangfrage. Vordergründig tut er so, als interessiere ihn die Antwort tatsächlich, aber anhand des Aufbaus des Dialogs und der Gesprächsführung merkt man, dass es tatsächlich um etwas anderes gehen muss. Aus der Vorgeschichte zu III 5 ist bekannt, dass der Sultan Geld braucht und momentan keines zur Verfügung hat. Da Sittah generell als etwas berechnender und cleverer auftritt, ist es nicht verwunderlich, dass sie auch maßgeblich dafür sorgt, Nathan einzuladen und von ihm durch geschicktes Fragen Geld zu erpressen. Nathan ahnt wohl schon etwas, weiß aber nicht genau, wie die Hinterlist aussieht, bzw. woraus sie besteht. Als Vertreter des Islams will er also das Judentum an den Pranger stellen und gleichzeitig einen finanziellen Nutzen daraus ziehen.
Im folgenden Auftritt wird Nathan jedoch klar, dass es sich um eine Fangfrage handelt und hat auch eine passende Antwort parat. Diese schlägt noch besser an, als erwartet. Er formuliert die Ringparabel, die Peripetie des Dramas, so geschickt, dass der Richter, der am Ende entscheiden soll, welche die richtige Religion sei, auch Saladin sein könnte. Der beantwortet die Frage darauf aber mit einem perplexen „Ich Staub? Ich Nichts?“ (V. 2055) und scheint nun endgültig davon überzeugt, dass man so nicht an Geld kommt. Er tut den nötigen Schritt und bietet Nathan umgehend die Freundschaft an. Die dieser nicht ausschlägt und, da er den Plan ja durchschaut hat, anbietet, ihm Geld zu leihen. So beweist Nathan ein weiteres Mal Größe und Klugheit, erzieht den Sultan in Sachen Toleranz gegenüber anderer Religion und Menschen und zeigt auf, dass man mit hinterlistigen Maschen und Lügen auch nicht weiter kommt.
Dieses Gedankengut passt genau in die Zeit der Aufklärung (18. Jahrhundert) mit deren Toleranzgedanken und dem Aufruf zur Offenheit und Ehrlichkeit.
Auch heute ist oft zu bemerken, dass eine Position wesentlich mehr gilt, als das Wissen an sich. Titel, Abschluss oder der Name zählen mehr, als tatsächliche Qualifikationen oder Kompetenz. Beispiele dafür sind der Numerus Clausus, Seriosität bei Politikern (Doktortitel) oder einfach Gäste einer Talk Show. Doch inzwischen gibt es schon einige Arbeitgeber, die sich von diesen Vorstellungen lösen und versuchen mehr Objektivität, Gleichberechtigung und Praxisbezug in die Einstellung neuer Arbeitnehmer zu integrieren. Beispiele hierfür sind Anstellung bei großen Orchestern (Vorspiele hinterm Vorhang) oder sog. Assessment Center, die das tatsächliche Können statt des Scheinwissens aufzeigen. Der Respekt vor höher stehenden Personen war, ist und bleibt wohl immer erhalten, was aber in den meisten Fällen auch sinnvoll ist, um ein geregeltes Zusammenleben zu gewährleisten.

Analyse “Nathan der Weise” III, 5. 10. Klasse
Wissen verdoppelt sich, wenn man es teilt.
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