In der Kurzgeschichte “Neapel sehen” von Kurt Marti aus “Neapel sehen. Erzählungen 1996”, geschrieben im Jahr 1960, geht es darum, dass man jene Dinge um sich haben möchte, an die man sein Leben lang gewöhnt war. In der Geschichte geht es um einen kranken Mann, der nicht länger arbeiten gehen kann und so Beschäftigung im Beobachten seiner Fabrik findet. Schon mit dem erste Satz „Er hatte eine Bretterwand gebaut” (Z. 1-2) gibt der Autor ein Merkmal einer typischen Kurzgeschichte durch diesen unvermittelten Beginn. Bei der Bretterwand handelt es sich um die Grenze seines Gärtchens (vgl. Z. 30-31), die der Hauptfigur als Blickschutz vor der verhassten Fabrik dient. Durch Wiederholungen der Wörter „Fabrik” und „hassen” (Z.5-6) im Laufe des Textes wird Spannung erzeugt, da der Leser auf die Hintergründe gespannt ist. Die Fabrik stellt hierbei eine Metapher für das Leben der Hauptfigur dar, da er die größte zeit dort verbracht hat (vgl. Z. 26). Als Teil dessen ist auch die Maschine ein wichtiger Bestandteil der Fabrik und zugleich sein langjähriger Arbeitsplatz, den er ebenfalls verabscheut, wie auch seine Frau (vgl. Z. 14-15). Die Maschine sowie seine Frau stehen für einen Druck, dem er immer in seinem Leben unterstand. So „hasste [er] das Tempo der Maschine, das er selber beschleunigte.” (Z. 8-11), womit der Autor beschreibt, wie die Hauptfigur für das Leben verantwortlich ist, daraus jedoch „nichts” macht und es somit nicht in vollen Zügen nutzt. Durch einen auktorialen Erzähler wechseln innere Monologe und Figurenrede (vgl. Z. 18-20) und durch die vom Autor gewählte Zeitform des Präteritum hat der Leser das Gefühl, sich selbst direkt im Geschehen zu befinden. Der Ort des Geschehens ist das Haus sowie der Garten der Hauptfigur, der ein älterer Mann ist. Der Leser erfährt, dass er verheiratet ist und lange Zeit in der Fabrik gearbeitet hat (40 Jahre). Eine weitere Person, der Nachbar, hilft im Verlauf der Handlung, die Bretterwand abzubauen. Dieser Moment ist eine entscheidende Wendung der Geschichte, denn dem im Sterben liegenden Mann wird bewusst, dass die Fabrik Teil seines Lebens war und er diese nun nicht mehr missen möchte. Die Bretterwand steht somit auch symbolisch für die Grenze seines Lebens/seiner Routine zu der Fabrik, die auch durch seine Krankheit errichtet wurde. Die Verbundenheit wird auch durch die Formulierung „seiner Fabrik” (Z. 47) deutlich. Diese Verbundenheit erklärt auch die Aussage „Er hasste soviel verlogene Rücksicht” (Z. 22), bezogen auf den Arzt und Meister, die ihm versicherten, dass Akkord nun nichts mehr für ihn sei (vgl. Z. 19-20). Akkord, seine Arbeit, bei dem er stets unter Druck stand und die Fabrik werden ihm genommen. Der am Anfang oft betonte Hass und Wiederholungen dessen bilden nun einen Gegensatz zu der Freude und Entspannung (vgl. Z. 55), die er beim Anblick seiner Fabrik empfindet. Mit dieser wichtigen Entscheidung, die die Situation des nun sehr kranken Mannes verbesserte, verarbeitete der Autor ein weiteres, wichtiges Merkmal einer Kurzgeschichte. Die verwendete Sprache gestattete es dem Leser, in dieser Geschichte mit einem Zeilenumfang von 56 Zeilen, einen Einblick des eher eintönigen Alltages der Hauptfigur zu bekommen. Einfache Satzkonstruktionen und Wortwahl machen die Geschichte glaubwürdig, ohne jede Art von Übertriebenheit oder „Gekünsteltheit”. Ein Zusammenhang zwischen Überschrift und Textinhalt lässt sich nur im gröberen Sinne ziehen, und bezieht sich auf den in den 50er- und 60er-Jahren verwendeten Spruch: „Neapel sehen und sterben” und steht für die Erfüllung des letzten Traumes, der der Anblick seiner Fabrik für die Hauptfigur darstellte. Nach einem in Zeitraffung geschriebenen text steht nun am Schluss der Einleitungssatz parallel zu dem Ende. „Er hatte eine Bretterwand gebaut” (Z. 1-2), und nun, als sie wieder weg war, war er erst wieder zufrieden.
Kurt Martin hat es mit der Kurzgeschichte geschafft, eine bewegende Geschichte authentisch niederzuschreiben.

(Meiner Meinung nach ist die Kurzgeschichte demnach sehr gelungen und der Leser wird auch nachhaltig davon positiv beeinflusst.)

Kurzgeschichtenanalyse Neapel sehen von Kurt Marti
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