„Gingko biloba” Interpretation

Das Gedicht „Gingko biloba” wurde 1815 von Johann Wolfgang von Goethe verfasst und 1819 in seiner Sammlung „Der Westöstliche Diwan” veröffentlicht. „Gingko biloba” behandelt die Einheit zweier Menschen am Symbol des Gingko Blattes als auch die Natur als Anlass zu einem konkreten Thema.

„Gingko biloba” ist in 3 Quartette aufgeteilt, im ersten Teil wird der Fokus auf das Ginko Blatt gelegt, in welchem ein geheimer Sinn zu Grunde liegen zu scheint. Im zweiten Teil wird genauer auf den Aufbau des Blattes eingegangen, es stellt sich die Frage ob es ein oder zwei Wesen seien. Im dritten Teil spricht das lyrische Ich eine Person an und überträgt den Aufbau des Gingko Blattes auf sich selbst.
Auffallend ist direkt der Titel, Goethe wählt eine wissenschaftliche Sprache, „Gingko biloba” ist der wissenschaftliche Name des Gingko Baumes. Auch die strenge Einhaltung der Kreuzreime, der abwechselden männlichen und weiblichen Kadenzen und der vierhebigen Trochäen trägt zu der Sachlichkeit des Wissenschaftlichen bei. Die Trochäen lassen das Gedicht bestimmter und geradezu statisch und fest wirken, was Goethes Fachsprache unterstützt. So heißt es auch in der ersten Strophe nur die „Wissenden” (Z. 4), also nur die Gebildeten, verstünden das Geheimnis des Blattes, doch dazu später mehr. Die erste Strophe dient als Anlass für Goethes Gedanken über den Gingko Baum, so wurde das Blatt aus „Osten einem Garten anvertraut” (Z. 1 f.). Dabei steht der Osten für die fremden exotischen Länder, die geradezu geheimnisvoll erscheinen, und so ist auch die Bedeutung des Blattes geheim (vgl. Z. 3). Auffallend ist hier die Wortwahl der Possesivpronomen, so steht „Dieses Baums Blatt” (Z. 1) im kompletten Gegensatz zu „Meinem Garten” (Z. 2), womit Goethe die Ferne des Ostens weiter versinnbildlicht. Gleichzeitig verstärkt er damit die mystische Wirkung des Blattes, da es dieses schließlich aus solch fernen Ländern in ausgerechnet den Garten des lyrischen Ichs macht. Goethe nutzt beide Konnotationen des Wortes „Sinn” (Z. 3), einerseits für die Bedeutung des Blattes beziehungsweise dessen Aufbau, andererseits für die Sinne eines Menschen, mit denen man das Blatt sehen und anfassen kann, genau wie es das lyrische Ich tut. Diese Handlung regt das lyrische Ich zum Nachdenken an, was in der zweiten Strophe erfolgt.
Diese zweite Strophe besteht aus zwei Fragesätzen, welche parallel aufgebaut sind (vgl. Z. 5-8). Beide sind aufgeteilt in je zwei Zeilen und unterstützen so den Inhalt der Fragen, also ob das Gingko Blatt eins ist, dass sich in oder ob es zwei sind, die zusammengewachsen beziehungsweise im übertragenen Sinne zwei Personen zusammengekommen sind. In dieser Strophe sticht dem Leser das Wort „erlesen” (Z. 7) ins Auge, ein weiteres mal nutzt Goethe ein Wort mit zwei Bedeutungen, so steht erlesen einerseits für eine Auswahl, so haben sich die zwei Blatthälften ausgewählt. Andererseits steht es für „belehrt”, so benutzt Goethe ein weiteres mal Fachsprache, da schließlich nur der Gebildete die Fragen über den Gingko beantworten kann.
In der dritten Strophe wird erstmals eine Person direkt angesprochen, erkennbar am Personalpronomen „du” (Z. 11). So möchte das lyrische Ich die Antworten der vorherigen Fragen einer anderen Person mitteilen. Es meint, den „rechten Sinn” (Z. 10) auf „Solche Frage[n]” (Z. 9) gefunden zu haben. Die Antwort lautet, es sei sowohl eins als auch doppelt. Diese Aussage steht im direkten Bezug zum Titel „Gingko biloba”, zwei Wörter die einen Baum bezeichnen, also sowohl eins als auch doppelt zu sein. Diese Metapher lässt sich sehr schön auf zwei Liebende übertragen, die ebenso eins sind. Auch die abwechselnd männlichen und weiblichen Kadenzen an den Versenden verstärken diesen Aspekt und Goethe endet das Gedicht mit einem von der Natur auf das lyrische Ich übertragenen Thema.

Im „Gingko biloba” benutzt Goethe das Gingko Blatt als Symbol der Einheit zweier Menschen. Da er dieses Gedicht erstmals an Marianne von Willemer schrieb, ist es sehr wahrscheinlich, dass man das lyrische Ich mit Goethe gleichsetzen kann und die angesprochene Person Marianne von Willemer ist. Er möchte ihr gegenüber mit diesem Gedicht seine Zuneigung ausdrücken, was wahrscheinlich auch einer der Gründe war, weshalb der Titel der Erstfassung „Gingo biloba” war, den harte Konsonant „k” ließ Goethe für die weiche Dame weg.

Goethe Gingko biloba Interpretation
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