Heiner Müller: Das Eiserne Kreuz

Heiner Müller gilt als einer der bekanntesten Vertreter der Nachkriegsliteratur. Geboren 1929 in Eppendorf in Sachsen ist er nach dem Krieg Journalist und Mitarbeiter beim Schriftstellerverband der DDR. Nach einiger Zeit beginnt Müller jedoch, diese sehr kritisch zu betrachten. Seine realistischen Betrachtungsweisen passen nicht in das Propaganda – Regime, sodass er schließlich 1961 vom Schriftstellerverband ausgeschlossen wird. Doch bereits seit 1959 arbeitet er als freier Schriftsteller und Dramaturg. Seine kritischen Neubearbeitungen antiker und shakespearescher Werke, sowie seine eigenen, wie „Der Lohndrücker“ 1958 oder „Der Auftrag“ 1979 machen den DDR – Bürger im Westen bekannt. Zu dieser Zeit wird er zwar oft gespielt, jedoch kritisch betrachtet. Seine Kurzgeschichte „Das Eiserne Kreuz“ von 1956, in der ein führertreuer Papierhändler den „ehrenhaften“ Tod Adolf Hitlers auch als rechtschaffen für sich und seine Familie ansieht, ist kennzeichnend für diese äußere Denkweise.
Heiner Müllers Werk ist stark strukturiert und verläuft chronologisch. Untypisch für Kurzgeschichten ist die zunächst zwar nicht konkret erscheinende Zeitangabe, die jedoch nach Recherchen ein genaues Handlungsdatum aufweist: Den 30. April 1945. Auch wird ein Ort, Stargard in Mecklenburg, angegeben. Allgemein ist die Geschichte zeitraffend verfasst. Als Handlungsräume liegen das Haus, der Waldweg, ein Ort auf dem Waldweg sowie der Weg nach Westen vor. Der Wald ist gleichzeitig Stimmungsraum, da durch die dunkle und gedämpfte Umgebung eine schwere und zur Handlung passende Atmosphäre entsteht, das behutsame Haus hingegen stellt einen Kontrastraum zum Wald dar, in dem der Vater seine Tochter und Frau ermordet. Ähnlich wie Isaac Newton überlegt der Mann unter einem Baum auf dem Weg nach Westen, ein weiterer Stimmungsraum. Ein auktorialer Erzähler führt durch die Kurzgeschichte, in der keine direkte Rede verwendet wird und nur wenig indirekte Rede vorzufinden ist, jedoch mehrmals die Gedanken des Vaters geschildert werden. Es werden nur wenige direkte Charaktereigenschaften und -merkmale beschrieben, zum Beispiel, dass das Mädchen 14 Jahre alt ist und der Vater Kriegsveteran. Das Alter des Mädchens ist hierbei nebensächlich, die Tatsache, dass der Mann Kriegsveteran ist, lässt aber unter Umständen Schlüsse über seine Beweggründe zu. Während die Mutter weder direkt noch indirekt charakterisiert wird, werden die Tochter, sowie die Hauptfigur, das Oberhaupt der Familie, auch indirekt weiter beschrieben. So lässt sich aus dem Kontext schließen, dass der Vater in der Familie übergeordnet ist und die alleinige Entscheidung bei ihm liegt, so wie es zu dieser Zeit noch eher üblich gewesen ist. Im späteren Verlauf entpuppt er sich zunächst als kalt und herzlos und nach dem Tod seiner Familie als feige und schwach, eventuell sogar als verräterisch gegenüber dem Hitler – Regime, da er ohne weitere Bedenken seine Vergangenheit hinter sich lässt und sein zu Anfang so wichtig erscheinendes Eisernes Kreuz ohne Skrupel wegwirft; er ist also eine dynamische Figur. Die Tochter dagegen scheint ihr Schicksal so hinzunehmen wie es kommt, da sie sich weder gegen den Plan noch die Tat an sich wehrt. Auch hat sie keinen anderen Rede- oder Handlungsanteil an der Kurzgeschichte, eventuell wurde sie vom Vater getrimmt und unterdrückt. Die Frauen sind demnach statische Figuren. Die Syntax sowie die Sprache sind relativ einfach, selten werden die Sätze komplex oder hypotaktisch. Manchmal beenden kurze Sätze Sinnabschnitte, aber auch die Geschichte an sich. Die bevorzugte Zeitform ist Imperfekt.
Wie schon erklärt, ist der erste Satz dieser Kurzgeschichte äußerst ungewöhnlich für solche, denn dort wird der Ort, die Zeit und die grobe Handlung angegeben. Der Vater hat nur zufällig vom Tod Hitlers erfahren, ohne die Mundpropaganda durch seine Kunden wäre er vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen. Es ist zwar nicht klar, ob der Mann im Zweiten Weltkrieg gedient hat, aber von 1914 bis 1918 hat er als Reserveoffizier gedient, weswegen er auch noch einen Revolver und „zehn Schuss Munition“ (Z. 4 f.) besitzt. Da seine Frau mit dem Abendessen aus der Küche kommt, lässt sich auch die späte Tageszeit schließen. Er bereitete bereits sein „Werkzeug“ vor, beinahe fanatisch trägt er sein Eisernes Kreuz, was er eventuell bereits aus dem Ersten, vielleicht aber auch aus dem Zweiten Weltkrieg bekommen hat, und seinen Rockaufschlag, ein typisch militärisches Kleidungsstück. Das Eiserne Kreuz, welches in Müllers Geschichte als Raumsymbol auftritt, könnte für den Vater eine solch wichtige Rolle spielen, da auch Adolf Hitler ein solches besitzt und er es trägt, um sich mit ihm zu assoziieren, oder da er mit vollem Enthusiasmus den Krieg unterstützt. Für ihn ist er ein ganz normales Freudensymbol, was er „sonst nur an Festtagen“ (Z. 7 f.) trägt, eventuell zu Hitlers Geburtstag, Kriegsbeginn oder anderen Propaganda – Festtagen. In den folgenden Sätzen benutzt der Autor die indirekte Rede, um sich vom Vater zu distanzieren, denn dieser spricht konkret vom „Führer“ und dass er ihm die Treue hält. Außerdem fragt er seine Frau, „ob sie […] bereit sei, ihm auch hierhin zu folgen“ (Z. 10), damit meint er den gleichen Freitod wie den des Diktators des Deutschen Reiches. Diesen sieht er als äußerst „ehrenvoll[-]“ (Z. 11), wohingegen er es als „ehrlos[-]“ (Z. 12) erachtet so weiterzuleben.Wie es für die beschriebene Figur der Tochter typisch ist, folgt sie dem Aufruf ihres Vaters ohne weitere Bedenken oder Wehr. Da der Mann den Freitod an einem „geeigneten Ort außerhalb der Stadt“ (Z. 15) vollziehen will, um Aufmerksamkeit zu vermeiden, gibt er, weder die Antwort seiner Frau abwartend, noch seine Tochter überhaupt zu fragen, die Mäntel aus, um das Haus zu verlassen und in die dunkle Nacht zu laufen. Mit dem Wissen, dass sie nie mehr zurückkehren, lassen sie die Schlüssel im Briefkasten zurück. Der Grund mag grausam erscheinen, aber eventuell wollen sie Plünderer davon abhalten, den Leichen die Schlüssel abzunehmen und die Wohnung auszuräumen. Zu damaliger Zeit sind erschossene Menschen eher üblich gewesen als heute und Armut und Not führt Menschen auch zu solchen Taten. Passend zu den bevorstehenden Taten regnet es, außerdem ist es bereits Nacht (vgl. Z. 18). Zunächst geht das Familienoberhaupt noch voraus, scheinbar mit einem festen Ziel. Er dreht sich nicht zu den Frauen um, er ist zu fokussiert auf seinen Plan. Schwermütig folgen ihm die Frauen trotzdem, wohlwissend, dass sie gegen seine Entscheidungen nichts aufbringen können. Sie würden ihm überall hin folgen, wenn nicht aus Liebe, dann aus Angst. Nach einiger Zeit verlassen sie die verdunkelte Straße und machen sich auf den Weg zum Buchenwald. Nun möchte der Vater seine Frau und Tochter vor sich haben, damit sie nicht flüchten, denn „auf dem regennassen Boden [-] machen ihre Schritte kein Geräusch“ (Z. 23 f.). Auch wird seine Stimmung schlechter, er schreit ihnen zu, dass sie vorangehen sollen. Doch nun findet ein Umbruch in der Kurzgeschichte statt. Der bis zu diesem Punkt fest entschlossene Mann bekommt Bedenken und seine inneren Gefühle werden offenbart. Er weiß selbst nicht, was er denken soll: „Hatte er Angst, sie könnten ihm davonlaufen, oder wünschte er, selbst davonzulaufen“ (Z. 25 f.). Diese Angst wird ihm und seiner Familie jedoch bald zum Verhängnis, denn als die Frauen „weit voraus“ (Z. 27) gewesen sind, trägt ihn seine Angst weiter, die Angst vor seiner ihm scheinenden Pflicht wegzurennen und hoffte nun „sie täten es“ (Z. 28). Um ihnen noch etwas Vorsprung zu geben, bleibt er stehen, um Wasser zu lassen. Damit möchte er Zeit schinden, er hofft, seine Tochter und Frau würden doch wegrennen. Der Revolver, ein weiteres Raumsymbol liegt schwer in seiner nassen Tasche und bei jedem Schritt, bei dem die Waffe an sein Bein schlägt, wird er an die verabscheuungswürdige Tat erinnert, die er seiner Ehefrau, seiner vierzehnjährigen Tochter und sich selbst antun will. Damit das nicht mehr passiert, geht er langsamer. Er bereut seinen Plan, er möchte die schwere Last abwerfen und wieder in Ruhe mit seiner Familie leben: „als er in die Tasche griff, um den Revolver wegzuwerfen“ (Z. 31f.). Doch genau in diesem Moment sieht er seine Familie wieder und möchte nicht schwach wirken. Es scheint, als würden die Frauen bereit sein, auf ihren Tod zu warten, da sie auch ihren Mann und Vater erwarten. Als wolle er es schnell hinter sich bringen, wählt er als Ort nun nicht den zuerst prädisponierten Wald, sondern einfach den Waldweg, wo seine Tochter und Frau auf ihn warten. Just in dem Moment, in der er „den Revolver in die Hand [nimmt] und entsichert[-]“ (Z. 36), unternimmt seine Ehefrau einen letzten verzweifelten Versuch, den Mann von seinem Vorhaben abzubringen. „Schluchzend“ (Z. 37) und Emotional völlig am Ende, schlingt sie sich um den Hals ihres Gatten, um bei ihm Gefühle für seine Familie zu wecken. Jetzt wäre der richtige Moment, den Freitod abzuwenden, den Revolver wegzuwerfen und ein normales Leben weiterzuleben. Er sollte sich lieber bei seiner Familie für sein nicht überdachtes, fanatisches Verhalten entschuldigen, allerdings sieht er seine Frau als Ballast an: „Sie war schwer, und er hatte Mühe, sie abzuschütteln“ (Z. 37). Diese weiterhin ignorierend tritt er an seine Tochter heran, die ihn, charakteristisch nur „starr [ansieht]“ (Z. 38). Ohne Wehr und ohne ein Abschiedswort, schließt der Mann die Augen und hofft alleinig darauf, dass die Waffe irgendeinen Defekt hat, damit er eine Ausrede hat, seine Familie nicht ermorden zu müssen. Er drückt ab. Seine Hoffnung wird durch den Anblick seiner erschossenen Tochter zerstört, die auf den kaltnassen Waldboden fällt und nun unwichtig erscheint. Doch „die Frau zittert und schreit“ (Z. 41), sie hat soeben ihre geliebte Tochter durch die Hand ihres Ehemannes sterben sehen; und das ohne triftigen Grund. Zu dieser Zeit haben Familien durchaus Selbstmord begangen, aber meist aus dem Grund, dass sie vor einer feindlichen Invasion, Plünderungen und Missbrauch Angst gehabt haben und sie keinen anderen Ausweg sehen. Wieder sieht der Mann seine Frau als Ballast an, er „musste“ (Z. 41) sie festhalten. Geradezu unmenschlich wird ihr Tod beschrieben: „Erst nach dem dritten Schuss wurde sie still“ (Z. 41f.). Ein grauenvolles Bild, wenn man sich die Situation und die Kaltherzigkeit des Vaters vor Augen führt. Im Folgenden wird dieser Sinnabschnitt wird mit dem kurzen Satz „Er war allein“ (Z. 43) beendet. Nun beginnt der Mann zu überlegen. Gegenüber seinen Frauen wollte er seine innere Schwäche nicht zeigen. Doch diese sind nicht mehr da, niemand ist da. Sie liegen leblos auf dem Boden und können ihn nicht mehr zu irgendwas bringen geschweige denn zwingen. Metaphorisch vergleicht er seine derzeitige Situation mit einem Schauspiel: „Das Stück war aus, der Vorhang gefallen. Er konnte gehen und sich abschminken“ (Z. 45 f.). Er könnte alles hinter sich lassen: Seine Vergangenheit, sein Leben, seine Familie. Nachdem er sein Revolver weggesteckt hat, läuft er weg. Er beugt sich nur noch kurz über seine Tochter, seine Frau findet keine Beachtung mehr. Er schlägt zunächst den Weg in Richtung Stadt ein, biegt dann aber westwärts ab. „Den Rücken an einen Baum gelehnt“ (Z. 49 f.) überdenkt er seine Lage. Der Mann atmet schwer, so ganz scheint ihm also der Familienmord nicht egal zu sein. Dennoch kann er mit dieser Last leben und findet „[seine Situation] [ist] nicht ohne Hoffnung. Er will nun untertauchen, alle Geschehnisse hinter sich lassen und schmiedet schon einen Plan, was er zu tun hat: Er muss „die nächsten Ortschaften meiden“ (Z. 52), und „dann untertauchen, in einer größeren Stadt am besten, unter fremdem Namen“ (Z. 53 f.). Dann könnte er ein durchschnittliches Leben als durchschnittlicher Arbeiter führen. Sein erster Schritt dazu ist, seine grausame Tat zu vergessen, deswegen wirft er „den Revolver in den Straßengraben“ (Z. 55). Im Laufen bemerkt er noch sein Eisernes Kreuz. Sein Symbol, was ihn immer an seine Tapferkeit erinnert hat, welches er wie eine Trophäe getragen hat. Ohne weitere Bedenken wirft auch dieses weg. Damit bleibt nicht viel, das ihn an seine Vergangenheit erinnert, außer seinen Gedanken. Er weiß, dass er seine Familie umgebracht hat, an seinen Händen wird auf ewig Blut kleben. Mit einem weiteren kurzen Satz wird die Kurzgeschichte abgeschlossen: „Er tat es“ (Z. 56). Er hat seine ihm so wichtige Trophäe weggeschmissen.
Nach dem Lesen dieser Geschichte versteht man die kritische Betrachtung von Heiner Müller. Er stellt den Mann hier als dynamisch sowie charakteristisch verabscheuungswürdig dar und erhält durch seine heiklen Texte besonders an Beachtung. Bis zum Ende bleibt die Entscheidung des Familienvaters, der seine Tochter und seine Ehefrau erschossen offen, ob er sich umbringt oder nicht. Am Ende entscheidet er sich gegen den moralisch richtigen Schritt. Kurz nach dem Krieg hat dieser sicherlich auch noch eine andere Wirkung als heutzutage, da sich diese Generation noch an die grausame Zeit der Diktatur, des Krieges und der Angst erinnert hat. Doch auch heute zeigt die Kurzgeschichte an Wirkung und man denkt über die inneren Gefühle, Beweggründe und Folgen nach, die dieser Tat zugrunde liegen. Schlussendlich wird aus einem grauenvollen Plan eine noch viel schlimmere, kaltherzige und moralisch bedenkliche Handlung.

Wörter: 2118

Das Eiserne Kreuz
Wissen verdoppelt sich, wenn man es teilt.
Abonnieren
Benachrichtigen von
guest
0 Comments
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen