Sehr geehrter Herr Lessing,
nachdem ich Ihr Drama „Nathan der Weise“ gelesen und mich damit auseinandergesetzt habe, möchte ich zu einigen Punkten in Bezug zur Aufklärung und deren Aktualität Stellung beziehen.
Mir gefällt Ihr Buch sehr gut und ich bewundere, wie Sie trotz schwieriger Lebensumstände so ein unglaubliches Werk der Vernunft und Toleranz zustande gebracht haben. Dass der Erfolg dafür anfangs ausblieb, erkläre ich mir mit dem mangelnden Verständnis der Allgemeinheit. Sie waren eben Ihrer Zeit voraus.
Die Grundsätze der Aufklärung kommen in Ihrem Stück gut zur Geltung, wie die Mündigkeit, das kritische Hinterfragen und der Einsatz der Vernunft, weil Nathan diese in sich vereint. Er dient als eine Art moralisches Vorbild. Auf ihn trifft auch Kants Wahlspruch zur Aufklärung: „Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ optimal zu, weil er immer darauf bedacht ist seinen Verstand einzusetzen und auch andere wie Recha, Saladin und den Tempelherren davon überzeugt, es ihm nachzutun. Ich verstehe es als eine Ihrer Hauptaussagen, dass es am wichtigsten ist zu Handeln und Gutes zu tun. Denn dies wird im Verlauf immer wieder deutlich z. B. im ersten Akt, wenn Nathan zu Recha sagt: „Begreifst du aber wie viel andächtig schwärmen leichter als gut handeln ist?“.
Außerdem stellen Sie den Konflikt zwischen den aufgeklärten und den unaufgeklärten Menschen nachvollziehbar dar. So wie Nathan das Paradebeispiel für den Aufgeklärten ist, steht der Patriarch für den Unaufgeklärten, der an Richtlinien wie der Bibel und Vorurteilen festhält. Es fällt allerdings auf, dass Sie den Patriarchen nicht für seine negativen Handlungen bestrafen, sondern nur insofern, dass seine Pläne scheitern. Die einzige Art Bestrafung für Charaktere wie den Patriarchen oder Daja, die nicht offen für die Aufklärung sind, ist der Ausschluss aus der glücklichen Schlussszene. Ich frage mich, ob es auch Ihre Lebenseinstellung ist, dass dem Bösen durch den natürlichen Verlauf Einhalt geboten wird, oder ob Sie dies bloß in einer virtuellen Welt so präsentieren.
Was mir missfällt ist, dass jeder Anflug von Leidenschaft in Ihren Stück zu Fehlern führt, wie z. B. die Liebe des Tempelherren zu Recha, Saladins Wunsch nach Geld oder Nathans Angst Recha zu verlieren. Ich kann zwar nachvollziehen, dass Leidenschaften ein Gegner der Vernunft sind, da sie diese gefährden und deshalb zur Zeit der Aufklärung nicht gewünscht waren, aber ich komme trotzdem nicht dagegen an, absolute Rationalität als negativ zu empfinden. Was wäre denn unser Leben ohne das geringste bisschen Leidenschaft, Impulsivität und Irrationalität? Das ist doch Teil des Menschen. So weit schon vorwegnehmend zur Aktualität, darauf komme ich später noch zurück.
Zuerst einmal möchte ich nun auf die Religion und vor allem die Ringparabel eingehen. Die Ringparabel beschreibt, dass die drei Weltreligionen so vielfältig und unterschiedlich sie auch sind, doch den gleichen Ursprung haben. Die Religion beruht auf den Vorfahren und wird in den meisten Fällen durch die Familie weitergegeben. Dadurch, dass niemand weiß, was wahr ist und wo genau der Anfang ist, sind alle Religionen gleichwertig. Dem kann ich mich vollständig anschließen. Sie verdeutlichen das obendrein auch damit, dass am Ende Ihres Buches alle Weltreligionen eine Familie bilden.
Durch Ihre Hinzufügung der Figur des Richters, wird nochmals wunderbar deutlich, dass das gute Handeln das ist, worauf es ankommt. Theoretisch beruhen Ethik, Moral und im Grunde alle Religionsgrundsätze auf diesem Prinzip der Nächstenliebe. Nur leider wird dies oft missverstanden und die Religion wird als eine Rechtfertigung für Unrecht benutzt. Die Religion, die Sie mit der Ringparabel darlegen, ist eine natürliche Religion. Durch diese wird deutlich, dass Religion und Vernunft sich nicht unbedingt ausschließen müssen. Sie ist sozusagen die Religion der Aufklärung. Denn ihr Grundsatz ist, dass irgendwo alles im Guten angefangen hat und wir dieses Gute nun durch eigenverantwortliches Handeln fortführen sollen. Ich finde die Bezeichnung dafür im Nachwort sehr schön und passend : „Religion des Herzens und der Tat“. Das nenne ich dann wahre Humanität.
Eine meiner Meinung nach weitere sehr wichtige Änderung der Ringparabel ist, dass Nathan nicht dem Stereotyp eines Juden entspricht, wie der geizige Jude bei Boccaccio, sondern im Gegenteil sogar großzügig ist. Damit stellen Sie klar, dass Sie keineswegs an Vorurteilen festhalten. Das ist auch ein wichtiger Punkt der Aufklärung, weil dadurch veranschaulicht wird, dass der Mensch nicht alles glauben sondern kritisch betrachten sollte.
Das teleologische Geschichtsbild ist ein Weg zum Guten dadurch, dass die Menschen aus Ereignissen und ihren Fehlern lernen. Dieses Bild wird auch oft in Zusammenhang mit Ihrem Werk gebracht. Ich denke, es passt sowohl auf den Rat des Richters in der Ringparabel, als auch auf Nathan, der durch ein Schlüsselereignis zu Nathan dem Weisen geworden ist. Dieses Ereignis, als er seine Familie verliert und sich nach dreitägiger Trauer auf Gott besinnt, ist eine faszinierende Szene. Ich frage mich, warum Sie dabei so viel offen gelassen haben. Nathan hat dort eine Gotteserkenntnis, doch wie läuft diese ab und warum sind danach alle Zweifel verschwunden? Fast alles in Ihrem Buch belegen oder hinterfragen Sie, aber die Überzeugung, dass Gott existiert, ist für Sie und so auch für Nathan feststehend, das finde ich sehr interessant. Vielleicht wollten Sie jedoch Spielraum für eigene Spekulationen lassen, um so die Leser zum Denken anzuregen? Das würde sehr gut zur Aufklärung passen.
Jetzt komme ich wieder auf meine Überzeugung, dass Leidenschaft ein entscheidender Wesenszug des Menschen ist, zu sprechen. Hinter diesem Hintergrund kann ich nämlich nicht nachempfinden, wieso Recha und der Tempelherr, die eigentlich ineinander verliebt waren, keinerlei Probleme damit haben, Geschwister zu sein. Dies ist nur in einer komplett rationalen Welt möglich. Ich glaube unsere heutige Gesellschaft könnte sich damit nicht einfach abfinden und sich das nicht vorstellen, weil Liebe für uns leidenschaftlich ist und sich das Herz unserer Erfahrung und Vorstellung nach nicht nach dem Kopf richtet und vernünftig ist.
Im aufgeklärten Deutschland dient „Nathan der Weise“ eher dazu, die Epoche der Aufklärung nachzuvollziehen und zu verstehen. Andere Länder dagegen sind nicht alle aufgeklärt und es gibt auf der Welt noch so viele Religionsfeinschaften, dass Ihr Buch durchaus noch immer einen aktuellen Konflikt beschreibt. Weiterhin sind wir in Deutschland zwar frei und haben uns unsere Rechte im Laufe der Zeit schwer erkämpft, aber nutzen tun wir sie deshalb noch lange nicht. Nicht jeder wählt und wirkt an der Politik mit, um sich so für gutes und richtiges Handeln einzusetzen. Außerdem so oft geschehen Verbrechen oder es gibt unterlassene Hilfeleistungen, weil wir daneben stehen und hoffen, statt einzugreifen. Darüber hinaus verschließen wir die Augen vor dem, was in der Welt passiert, solange es uns nicht direkt betrifft. Deshalb ist Ihr Stück nach so vielen Jahren immer noch aktuell. Oft genug täte es gut, sich in den Kopf zu rufen, dass man den Mut aufbringen sollte zu handeln und Gutes zu tun. Schon fünf Minuten Nachrichten Schauen zeigen uns, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben und längst nicht alles gut und friedlich ist, noch nicht einmal hier in Deutschland.

Quellenverzeichnis
1. http://www.uni-potsdam.de/u/philosophie/texte/kant/aufklaer.htm 01.05.2014
2. http://www.literaturwelt.com/autoren/lessing.html 01.05.2014
3. http://www.fundus.org/pdf.asp?ID=2286 01.05.2014
4. http://www.inhaltsangabe.de/lessing/nathan-der-weise/ 01.05.2014
5. http://www.mythos-magazin.de/methodenforschung/tw_nathan.pdf 01.05.2014
6. Nathan der Weise, Hamburger Lesehefte Verlag, 17. Heft, S. 13, S.128
1182 Wörter

Note: 13 Punkte

Brief an Lessing über “Nathan der Weise”
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