Obwohl beide Kirchenbauten unterschiedlichen Baustilen entspringen, nämlich der Frühromanik (St. Michael) bzw. der Hochgotik (Notre-Dame), besitzen sie einige Gemeinsamkeiten:
Beide Kirchen sind Basilikas, d.h. mehrschiffige Kirchengebäude mit einem mittleren Hauptschiff und mit von Säulenreihen abgetrennten, flankierenden Seitenschiffen. Das Mittelschiff ist deutlich höher als die Seitenschiffe und schafft somit Raum für eine weitere Fensterreihe, den Obergaden.
An die Vierung, dem Ort des Zusammentreffens von Haupt- und Querschiff, schließt sich der Chorraum an.
Ebenso charakteristisch für beide Kirchen sind weithin sichtbare Türme, welche die Macht und Wehrhaftigkeit Gottes bzw. der Kirche symbolisieren sollen. Beide Kirchen richteten sich streng nach geometrischen Formen und mathematischen Gesetzen aus.

Aufgrund der verschiedenen Baustile gibt es jedoch auch viele deutliche Unterschiede:
Die bloße Erscheinungsform der beiden Baustile ist grundverschieden. Während romanische Kirchen trutzig, teilweise gedrungen und wehrhaft wirken, wirken gotische Kirchen dagegen leicht und emporstrebend. Diese Veränderung kam einerseits aufgrund des höheren technischen Verständnisses im Hochmittelalter auf: Wandflächen wurden aufgelöst und von großen Fenstern durchbrochen, was für eine Lichtdurchflutung der Räume sorgte. Die gesamte Konstruktion des Bauwerks beruhte auf Streben und Pfeilern, welche einer Art Skelettbauweise darstellten. Möglich wurde diese Architektur durch die technische Errungenschaft des Spitzbogens und des Kreuzrippengewölbes. Andererseits sind für diesen mutigeren Baustil auch politische Änderungen verantwortlich: Das Hochmittelalter war geprägt von einer Zeit der relativen politischen Ruhe und der allgemeinen Konstituierung der späteren Reiche Europas. Nichtsdestotrotz war die Kirche und der Glaube die alles bestimmende Institution der damaligen Zeit und die Pracht Gottes sollte auch dargestellt werden.
Während Notre-Dame ein Querschiff besitzt und damit eine Kreuzbasilika darstellt (aufgrund des charakteristischen Grundrisses, einem lateinischen Kreuz), die bevorzugte Bauform in der Gotik, besitzt St. Michael derer zwei. An beide Vierungen, welche von quadratischen Türmen bekrönt wurden, schließen sich Chorräume an; St. Michael stellte eine doppelchörige Basilika dar, und der Grundriss zeigt eine Ausgewogenheit des Ost- und Westflügels.
Bei der gotischen Kirche Notre-Dame hingegen gibt es eine völlige Ost-West Ausrichtung des Baus; ein mächtiges Westwerk mit Doppelturmanlage, drei Eingangsportalen und Fensterrosette sollte einerseits ein Zitat an antike Triumphbögen (Konstantinbogen, Rom) und andererseits den Eindruck einer „Gottesburg“ aufrecht erhalten. Im Osten findet sich der Chorraum, bestehend aus Chorraum, Chorumgang und fünf Chorkranzkapellen.
Weiterhin charakteristisch für die Gotik ist der Umgang mit Verzierungen und Symboliken. Nahezu jede freie Fläche innen und außen war mit Phialen, Statuen und Ornamenten verziert; dieser Formenreichtum wurde möglich durch die Verwendung des relativ weichen Kalksandsteins. Bei romanischen Kirchen – so auch bei St. Michael – war die Ausstattung bis auf eine reiche Ornamentik relativ schlicht. Es wurden überwiegend harte Natursteine verwendet.
Ebenso wichtig für die Wirkung gotischer Kirchen sind die mit Buntglas gestalteten, prächtigen Spitzbogenfenster, welche entweder Geschichten aus der Bibel darstellten oder den Sponsoren, oftmals reichen Handelsgilden, gewidmet waren. Wichtig für das Entstehen dieser Fenster war das Entwickeln der Bleiverglasung. Überhaupt war der Innenraum gotischer Kirchen, so auch vermutlich Notre-Dame in Reims bunt gestaltet und die Wände und Statuen waren mit damals sehr teuren Farben bemalt. In St. Michael wurde mit Farben an den Wandflächen sparsam umgegangen, sie waren lediglich gekalkt und an den Rundbögen mit roten Verzierungen versehen. Lediglich die Decke und die Apsiden waren mit Ornamenten versehen (s.o.).

An beiden Beispielen sind sehr gut die Besonderheiten der jeweiligen Baustile zu erkennen: Romanische Kirchen, welche eher schlicht gestaltet wurden und gedrungen wirken, gotische Kirchen, welche sehr prachtvoll, leicht und emporstrebend wirken. Aber auch die gemeinsamen Ursprünge der Baustile werden deutlich: Die basilikale Bauform, welche bereits aus der römischen Antike bekannt ist.

Vergleich Notre-Dame (Reims) und Klosterkirche St. Michael (Hildesheim)
Wissen verdoppelt sich, wenn man es teilt.
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