Wolfgang Borchert: “Die Küchenuhr” (in der Perspektive der Frau)

Ich saß auf einer Bank. Mein Kinderwagen stand neben mir. Ein Mann saß auch auf der Bank. Da sah ich einen jungen Mann auf uns zukommen. Er hatte ein ganz altes Gesicht. Er setzte sich zu uns auf die Bank. Dann zeigte er uns, was er in der Hand hielt. Er sagte, dass die Küchenuhr das einzige sei, was er noch habe. Sie war rund und weiß, nur die Ziffern waren blau. Der Mann tupfte die Zahlen ab. Er erzählte uns, dass die Uhr weiter keinen Wert hat und dass die nicht mehr ging. Außerdem meinte er, dass sie innerlich kaputt ist, aber sonst wie immer. Sie ist übriggeblieben. Ich schaute in meinen Kinderwagen und nahm noch war, wie der andere Mann auf seine Schuhe blickte. Jemand in unserer Nähe fragte den Mann mit der Uhr, ob er alles verloren habe. Freudig bejahte er das. Wieso freute er sich darüber? “Aber sie geht doch nicht mehr“, sagte ich. “Nein”, sagte er, “das weiß ich wohl. Aber sonst ist sie gleich. Und stellen sie sich vor, sie ist genau um halb drei stehengeblieben. Das ist das Schönste. Genau um halb drei.” Ich hörte den anderen Mann sagen: “Dan ist ihr Haus wohl um halb drei getroffen worden. Da bleiben öfters Uhren stehen. Wegen dem Druck.” Doch der andere, der mit der Uhr, verneinte das. Er erzählte: “Nein, das ist ganz anders. Um halb drei Uhr nachts bin ich immer nach Hause gekommen.” Ich merkte, wie er unsere Blicke suchte, doch ich schaute weg. “Und meine Mutter hat mir dann immer das Essen gemacht. Das war für mich selbstverständlich”, sagte der Mann. Wir waren alle ganz still. Er fuhr fort: “Doch nun weiß ich, dass es das Paradies war. Ja, das Paradies.” Ich fragte ihn bedrückt: “Und ihre Familie?” Und er sagte, dass alles weg ist alles. Er lächelte mich verlegen an. Ich sah nicht hin. Niemand sah ihn an, als er alle verlegen anlächelte. Ich sah es aus den Augenwinkeln. “Alles weg”, sagte er noch einmal, lachte und hob die Uhr hoch. “Nur sie ist da und um halb drei stehengeblieben. Um halb drei.” Dann schwieg er. Ich schaute weiter in den Kinderwagen und dachte nach

“Die Küchenuhr” (in der Perspektive der Frau)
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