Christa Wolfs



  • Titel: Christa Wolfs
  • Autor: anonym
  • Beschreibung: Einordnung von Prosatexten in die Gattung des traditionellen bzw. modernen Romans anhand des Romans "Kassandra"
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Einordnung von Prosatexten in die Gattung des traditionellen bzw. modernen Romans anhand des Beispiels von Christa Wolfs „Kassandra

Um den Roman Christa Wolfs einzuordnen sollen zu Beginn die Wesenszüge des traditionellen sowie des modernen Romans erarbeitet und verglichen werden.
Karl Migner beschreibt die Unterschiede des traditionellen und modernen Romans in seiner Abhandlung „Kennzeichen des modernen Romans“ (1) wie folgt. Im traditionellen Roman ist der Romanheld eine vorbildhafte Figur, die den Normvorstellungen vergangener Epochen entspricht. Der Held lebt in einer Welt mit fester Ordnung, die verständlich und vertraut ist. Zudem führen die Figuren dort nur schlüssig erklärbare Aktionen durch. Die Hauptfigur als „Held“ ist ein singuläres Individuum, welches oft einen großen Umfang an Abenteuergeschichten durchlebt. Der traditionelle Roman ist außerdem leicht durch Beschreibung und Analyse durchschaubar. Meist ist ein chronologischer Ablauf gegeben und der Roman ist gegliedert und strukturiert. Er zeichnet sich auch besonders durch seine Geschlossenheit sowie Kontinuität aus.
Traditionelle Romane sind bis ins 18. Jahrhundert verfasst worden, wonach sie vom modernen Roman abgelöst wurden, da diese mehr die sozialen- und gesellschaftlichen Probleme wiedergeben. Der Roman ist spätestens seit Cervantes "Don Quijote" diejenige literarische Gattung, die den Konflikt zwischen Einzelnem und Welt zum Gegenstand hat. Das epische Gebilde der Neuzeit, der Roman, hängt soziologisch und psy¬chologisch eng mit dem Verlust einer tragenden Gemeinschaft, eines umfassenden Glaubens- und Weltverständnisses, mit der Individualisierung und Vereinsamung des „Helden“ zusammen. Im 20. Jh., da die Künstler die Bedrohung des Menschen intensiv und mit gesteigerter Sensibilität erleben und registrieren und in oft extremer Weise auszudrücken suchen, vergrößert sich die Entfremdung des Romanhelden von seiner Umwelt. Er wird zur totalen Negation des Helden herkömmlichen Typs. Passivität, Leiden, selbstquälerische Reflexion prägen das Leben des Protagonisten, er wird zunehmend unfähig, sinnvoll zu handeln, und er ist sich darüber hinaus dieser seiner Situation bewusst. Statt des sich in allen Lebenslagen und Konflikten behauptenden großen Individuums, des im Positiven wie im Negativen überragenden Menschen, kennt der moderne Roman als „Helden“ nur den Durchschnittsmenschen mit seinen Schwächen. Statt des chronologisch und kausal angelegten Handlungsgefüges des traditionellen Romans überwiegt im modernen Roman das Unverbundene, Zufällige, Sprunghafte. Durch Rückblenden, Erinnerungsmonologe, Assoziationen etc. wird Vergangenes oft in den Fortgang der Handlung eingebaut.
Nicht ein kausal geordnetes Geschehen steht im Mittelpunkt, sondern das im Bewusstsein der Figuren sich spiegelnde Geschehen. Das Erzählen selbst bleibt von diesen Veränderungen
nicht unberührt. Der moderne Roman wird nicht mehr vom allwissenden (olympischen) Erzähler aus der Distanz „erzählt“, sondern personal aus der Sicht einer oder mehrerer Figuren. Dabei dominieren der innere Monolog, die Montage unterschiedlicher Elemente und der Bewusstseinsstrom (Unmittelbare Wiedergabe von Gedanken, Gefühlen, Assoziationen, erinnerungen; der Erzähler gibt den Blick frei auf das Innere einer Person; oft Verzicht auf festgefügte Syntax). Zusammenfassend kann man sagen, dass der moderne Roman statt der Anschaulichkeit, Geschlossenheit und Chronologie des traditionellen Romans die Form der Erzählung in den Mittelpunkt stellt. Auch wendet sich der moderne Roman von Einzelschicksalen ab und der Zuständlichkeit, sowie Kritik und Zweifel am Zustand zu.

Der Roman „Kassandra“ der deutschen Schriftstellerin Christa Wolf aus dem Jahr 1983 beschäftigt sich mit dem Lebensweg sowie der inneren Entwicklung der Seherin Kassandra, einer Frauengestalt aus der antiken Mythologie. Im Folgenden soll der Inhalt des gegebenen Auszugs wiedergegeben, dann eine sprachliche Analyse sowie eine des Erzählstils vorgenommen werden.
Der Romananfang lässt sich in insgesamt fünf Sinnabschnitte gliedern. Im ersten einzuteilenden Abschnitt (Z. 1-12) berichtet eine unbekannte Person in der Sie-Erzählweise über den Ort, an dem Kassandra zuletzt gewesen bzw. gestorben ist. Sie leitet so geschickt zum zweiten Sinnabschnitt über, in dem Kassandra selbst zu erzählen beginnt. Bis zur Zeile 24 erlebt sie ihre letzten Minuten und macht deutlich, dass alles, was in ihrem Leben passiert ist, so gewollt war, und man nichts daran hätte ändern können oder sollen. Ab Zeile 25 beginnt der dritte Sinnabschnitt, worin Kassandra von ihrer Überfahrt von Troja nach Mykene und von dem Unwetter berichtet, welches ihre Freundin ausnutzen wollte, um ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Sie erzählt von ihren Beobachtungen, welche sich mit Selbstzweifel über ihre Sehergabe mischen. Im vierten Abschnitt (ab Zeile 66) erfährt der Leser über Kassandras früheres Leben, worauf im letzten Sinnabschnitt (Zeilen 113-138) Kassandra wieder zur Gegenwart zurückkehrt und sich fragt, wie es nach ihrem Tod weitergehen wird. Dabei wirkt sie weder traurig noch ängstlich. Der Abschnitt endet mit dem Untergang der Sonnen und der Tatsache, dass Kassandra weiß, dass sie in den nächsten Minuten sterben wird.
Mit den beiden parataktischen Sätzen „Hier war es. Da stand sie.“ (2) konfrontiert ein anonym bleibender Erzähler den Rezipienten, der „sie“ aufgrund des Titels und seiner Lesererwartung mit Kassandra verbindet. Die Demonstrativpronomen „hier“ und „da“ erzeugen einen erzählerischen Raum, der geprägt ist durch den Kontrast von Nähe und Ferne. Zugleich liegt eine Erweiterung des Raums auf die Vergangenheit vor. Durch die Verwendung des Präteritums assoziiert der Leser, dass sich im Raum etwas ereignet hat, das zurückliegt. Im Folgenden zeigt der Erzähler die Veränderungen durch dieses Ereignis auf: „steinerne Löwen, jetzt kopflos“, sowie unveränderliche Dinge, wie den Himmel und die „Mauern“.
Dem lässt der Erzähler nur noch Satzfragmente folgen und erzeugt über die Ortsangaben „Ins Finstere. Ins Schlachthaus. Und allein“ (4) einen Sog auf den Leser, der die Eindringlichkeit des Erzählten erhöht. Der nächste Satz „Mit der Erzählung geh ich in den Tod“ (5) ist der Übergang von Erzählerrede zur Figurenrede. Dabei verweist das Ich auf den Erzähler, der zuvor den Raum entworfen hat und gleichzeitig voraus auf Kassandra. Hier liegt also ein Wechsel der Erzählform vor, von der anfänglichen anonymen Er-/Sie-Form zur Ich-Form. Beide Formen sind im personalen Erzählverhalten verfasst. Da Kassandra im folgenden Verlauf des Ausschnitts nicht erlebt sondern erzählt, nimmt sie einen vom Geschehen distanzierten Standort ein, da sie auf die Ereignisse zurückblickt. Da der Rezipient uneingeschränkten Einblick in die Gedanken Kassandras besitzt, liegt eine Innensicht vor. Im gegebenen Auszug des Romans ist hauptsächlich der innere Monolog in Form des Erinnerungsmonologs zu erkennen, gekoppelt mit der Bewusstseinsstromtechnik. Ein Beispiel hierfür ist: „Merkwürdig, wie eines jeden Menschen Waffen – Marpessas Schweigen, Agamemnuns Toben – stets die gleichen bleiben müssen.“ (6). Durch diese angewandte Technik erscheint die Erzählzeit (die Zeit, in der die Geschichte erzählt bzw. gelesen wird) länger als die erzählte Zeit (der Zeitraum, in dem das erzählte Geschehen sich abspielt); es liegt eine Zeitdehnung vor. Auffällig ist, dass Kassandra ihr Vorgeschichte, wie es dazu kommt, dass sie bald sterben muss, oder ihre Erinnerungen, nicht chronologisch erzählt werden, sondern den Leser verwirrend durch Montagetechnik mit den Gedanken der Gegenwart vermischt werden. Die seelischen Vorgänge sind somit wichtiger als äußere Handlungen. Die Kalaydoskopartige Aufsplittung der Geschichte (Handlungsebenen) zeigt die Vielzahl von Rückblenden. Der Ich-Erzähler erzählt „retroperspektivisch“, das heißt aus einer subjektiven, tief in der Erinnerung verwurzelten Sichtweise (Erzählweise). Eine der Rückblenden in diesem Auszug ist: „Doch neulich nachts, auf der Überfahrt…“ (7). Die Ich – Erzählerin stößt tastend in die Vergangenheit vor. Doch holt sich die Erzählung am Ende selbst wieder ein, kehrt zum Ausgangspunkt zurück: „Die Sonne hat den Mittag überschritten“ (8). Die in der Erinnerung gelebte Welt wird nach einer einschneidenden Entwicklung erzählt, bei diesem Prozess wächst Kassandra an sich selbst: „Seltsam, dass ich, selbst noch nicht alt, von beinahe jedem, den ich gekannt, in der Vergangenheitsform reden muss.“ (9).
Die Gedanken Kassandras weisen sprachlich gesehen eine Vielzahl von Akkumulationen („durchtränkt, geätzt, vergiftet“ (10)) und Parenthesen („Was ich sah – Lust; Hoffnung nicht! – Und lebte weiter“ (11)) auf und verdeutlichen ihren Gedankenfluss, der durch Gedanken unterbrochen wird, oder verbessert werden muss:„nein, nicht nur verstand; erkannte“(12).
Die Verbesserungen zeigen, dass sich der Entwicklungsprozess Kassandras nicht während der erzählten Handlung, sondern während dem Erzählen selbst vollzieht. Ferner enthält der innere Monolog mehrere Fragen: „Warum wollte ich die Sehergabe unbedingt?“ (13), was wiederum zeigt, dass ihr Reifungsprozess noch nicht abgeschlossen ist. Weitere rhetorische Figuren sind Anapher („Als sei ich er. Als kauerte ich in ihm…(14)) und Inversionen („Die Kinder will ich nicht mehr sehen“(15)).
Satzbautechnisch ist zu bemerken, dass der Auszug teilweise im parataktischen Stil verfasst ist. Außerdem finden sich viele Verkürzungen der Sätze durch Auslassen von Verben: „Warum nicht ich, mit ihm?“ (16) und Sätze, die nur aus einem Subjekt und einem Prädikat bestehen: „Myrine schrie.“ (17); „Aineias lebt“ (18). Auch wird oft ein Punkt, statt eines Kommas gesetzt: „…nicht um mir Erleichterung zu schaffen, die gab es nicht. Sondern weil ich es ihr schuldig zu sein glaubte.“ (19). Die erarbeiteten rhetorischen Figuren und satzbautechnischen Mittel verleihen der Erzählung einen schnellen Charakter und der Erinnerungsmonolog Kassandras wirkt realistischer und authentischer, durch die gedankenähnlichen Strukturen. Die Sprachliche Form und der Satzbau unterstützen also die subjektive Erzählsituation und den inneren Monolog.

Anhand des eben erarbeiteten Erzählstils, der von der Sprache unterstützt wird, lässt sich der Romananfang in die Gattung des modernen Romans einordnen. Christa Wolf verwendet die für den modernen Roman typische Bewusstseinsstromtechnik, den inneren Monolog, sowie eine non-chronologische Erzählweise mit Vorausdeutungen und Rückblenden. Auch bei Christa Wolf steht nicht das kausal geordnete Geschehen im Mittelpunkt, sondern das im Bewusstsein von Kassandra sich spiegelnde Geschehen, wie es bei der Form des modernen Romans üblich ist.

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(1) Migner, Karl: „Kennzeichen des modernen Romans“ aus: Theorie des modernen Romans. Kröner Verlag, Stuttgart, 1970
(2) Wolf, Christa: Kassandra. In: Texte, Themen und Strukturen. Deutschbuch für die Oberstufe. Cornelsen S. 141; Z. 1
(3) ebd. S. 141; Z. 2 (4) ebd. S.141; Z.11f.
(5) ebd. S.141; Z.13
(6) ebd. S.141; Z.48-50
(7) ebd. S.141; Z.25
(8) ebd. S.142; Z.123
(9) ebd. S.142; Z.100-102
(10) ebd. S.141; Z.19
(11) ebd. S.141; Z.46
(12) ebd. S.142; Z.87f
(13) ebd. S.141; Z. 53
(14) ebd. S.142; Z. 88f
(15) ebd. S.141; Z. 63f
(16) ebd. S.142; Z. 111
(17) ebd. S.142; Z. 100
(18) ebd. S. 142: Z. 103
(19) ebd. S. 141; Z. 81-84

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